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Bremen: Vor 30 Jahren feierte die BSAG in Bremen eine echte Weltpremiere | DOKU |

Bremen: Vor 30 Jahren feierte die BSAG in Bremen eine echte Weltpremiere | DOKU |

Fast ebenerdig in eine Straßenbahn einzusteigen war bis 1990 undenkbar. Bis zur Erfindung „made in Bremen“: eine Niederflurbahn, die sogar bis nach Japan verkauft wurde.

Am 9. Februar 1990 präsentiert sich der GT6N (Gelenk-Triebwagen mit 6 Achsen, Normalspur) erstmals der Öffentlichkeit. Bild: Ingo Teschke

Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als man sich an der Haltestelle als Kavalier beweisen konnte, indem man einer Mutter mit dem Kinderwagen die drei Stufen hoch in den Bus oder die Straßenbahn helfen konnte? Alleine hinein zu kommen war nicht möglich, ebensowenig für Menschen im Rollstuhl. Heute so undenkbar wie ein Fernseher mit nur drei Programmen.

Das änderte sich in Bremen 1988 mit den ersten 35 Niederflurbussen der Bremer Straßenbahn, die mit der ersten Achse quasi in die Knie gehen konnten, um Rollstuhl und Kinderwagen den Einstieg möglichst ebenerdig zu ermöglichen.

Party im Versuchs-Roland

Seit 2004 ist der umgebaute Triebwagen als Partybahn unterwegs. Bild: BSAG

Die Straßenbahnen mussten attraktiver, schneller und sicherer werden. Eine Bahn bestand damals aus mehreren einzelnen Waggons. Der Fahrer im Triebwagen hatte das Geschehen im Anhänger oft nicht im Blick, weshalb diese zunehmend zum Angstraum für Fahrgäste wurden. Besonders ältere Leute mieden sie deshalb oftmals. So wurde 1986 bei der BSAG gemeinsam mit einem Fahrzeughersteller versuchsweise eine Bahn umgebaut, mit dem Ziel, einen durchgängigen Waggon zu schaffen. Dafür wurde ein Teil des Anhängers entfernt und an den Triebwagen angebaut. Es entstand ein verlängertes Fahrzeug, welches ohne separaten Anhänger auskam. Diese Straßenbahn wurde „Roland der Riese“ getauft und fährt heute noch als Partybahn durch Bremen.

Weltpremiere am Flughafendamm

Aus den Erfahrungen mit dieser Bahn entwickelte die Fahrzeugindustrie gemeinsam mit der BSAG und gefördert durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie etwas ganz Neues. Die weltweit erste Straßenbahn mit durchgehend niedrigem Fußboden. Musste man früher beim Einstieg knapp 80 cm Höhe überwinden, waren es nun nur noch 30 cm. Wie bei den modernen Bussen gab es nun keine Stufen mehr, die Fahrgäste konnten fortan nahezu ebenerdig an der Haltestelle einsteigen.

Der Weg von der klassischen Straßenbahn zum Niederflurfahrzeug

Vorgestellt wurde der neue Niederflur-Gelenk-Stadtbahnwagen am 9. Februar 1990 bei der BSAG vor geladenem Fachpublikum aus ganz Europa und Vertretern der Politik.

Die Bahn vom Typ GT6N war nicht nur barrierearm, sie benötigte dank neuem Antrieb und Leichtbauweise weniger Energie und konnte beim Bremsen sogar Strom wieder zurück ins Netz abgeben. Das ganze Fahrzeug war Modular aufgebaut, mit vielen gleichen Teilen, was Wartung und Reparatur vereinfachte. Drei gleiche Wagenteile ruhten auf drei gleichen Drehgestellen, an denen sich die Räder befanden. Dieses Prinzip eines sogenannten Kurzgelenktriebwagens wurde schon 1959 in Bremen bei Hansa Waggonbau entwickelt, kam aber bis dahin nur in Bremen und München zum Einsatz.

Von Bremen in die Welt

Im schwedischen Göteborg ist die Bahn im Juni 1991 auf Werbefahrt. Bild: Freunde der Bremer Straßenbahn e.V.

Als Weltneuheit fungierte die Bahn auch als Werbeträger. So war der GT6N in mehreren deutschen Städten zu Besuch, sowie in Schweden, Polen, Tschechien und den Niederlanden. Damit ist sie vermutlich eine der weitgereisten Straßenbahnen der Welt. In Bremen fuhr sie aber letztlich nur auf der Linie 5, zwischen Flughafen und Schwachhausen.

Das Prinzip bewährte sich und so bestellte die BSAG eine Serie von 78 weiteren Zügen, die sogar ein Wagenteil länger waren. Sie fuhren ab 1993 durch Bremen.

In Deutschland ist die Bahn Bremer Bauart in München, Augsburg, Zwickau, Frankfurt/Oder, Berlin, Braunschweig, Nürnberg, Jena, Augsburg und Mainz unterwegs. Und sie ist sogar in drei japanischen Städten anzutreffen. Insgesamt wurden 474 Exemplare gebaut.

Über Schweden ins Museum

Am frühen Morgen traf der Prototyp per Tieflader wieder in Bremen ein.

Der Prototyp wurde 1998 ins schwedische Norrköping abgegeben. Am 12. Juli 2011 traf der Triebwagen wieder in seiner ursprünglichen Heimat ein, nachdem die Bahn in Norrköping nicht mehr benötigt wurde. Das weitgereiste Einzelstück steht seit dem als Exponat im Bremer Straßenbahnmuseum im Depot in Sebaldsbrück und wird für die Nachwelt erhalten.

Im Jubiläumsjahr des GT6N erwartet Bremen eine neue Straßenbahn-Generation, und die hat ihre technischen Ursprünge übrigens wieder in dieser Bremer Weltpremiere von 1990.

Weitere Bilder un videos finden sie im Beitrag unter: https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/niederflur-strassenbahn-bremen-historisch-100.html?fbclid=IwAR3qFF5qB1oIi0HzT-yIlG-QxYMOX5_CGdENJvYglcwCzb6hP4Ryv0SF0qU

Autor

  • Martin von Minden
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