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Im Fadenkreuz der Sicherheitsbehörden (Eine Erzählung von Antje Boesler)

Im Fadenkreuz der Sicherheitsbehörden

 

Eine Erzählung von Antje Boesler bekannt aus dem „Tagebuch einer Berliner Busfahrerin“

Mein Schicksal segnet mich nicht selten mit Beachtung verdienenden Heraus-forderungen. Am 11. Mai 2018 war es wieder so weit. Ich beabsichtigte zum ersten Mal in meinem Leben ein Fluggast zu werden, obwohl ich dieser Art Fortbewegung voller Bedenken und Misstrauen gegenüberstehe. Oft schon wurde im Fernsehen dokumentiert, dass es Personen gelingt, Objekte, die nichts im Handgepäck zu suchen haben, am Security-Check vorbei in ein Flugzeug zu schmuggeln. Im weiteren Fortgang gab es stets und ständig gewal-tig Ärger an Bord. Es werden Vorkommnisse beschrieben, wo tatsächlich oder vermeintlich ahnungslose Luftreisende als Drogenkuriere missbraucht wurden. Mein persönlicher Albtraum – weshalb ich Fliegen eigentlich kategorisch ab-lehne. Ich bin Verfechter der Auffassung, wo Auto, Bus und Bahn nicht hin-fahren, brauche ich nicht zu sein. Prioritäten setzen, ist das A und O des Le-bens.

Im Februar des Jahres 2018 lud mich eine Seele von Mensch zu einem Kurzur-laub ein. Unerfreulicherweise kam in der Einladung das Wort „Insel“ vor, ge-folgt von „Ticket“ und „Flug“. Mit dem Auto bräuchte ich Tage und ein etwas größeres Guthaben auf dem Konto, per Flugzeug zweieinhalb Stunden für 62 Euro hin und zurück. Das Prioritätengrundgerüst geriet ins Wanken. Um mei-nem Schmuggleralbtraum keine Chance zu geben, würde ich mein Handge-päck (wer braucht auf einer sonnigen Insel einen großen Koffer?) keine Sekun-de aus den Augen lassen. Ich buchte den Flug EZY 5801, der beabsichtigte um 6 Uhr von Tegel abzufliegen. Um genau 3:58 Uhr, zwei Stunden vor Abflug en-dete mein Nachtdienst auf dem Betriebshof Indira-Gandhi-Straße. Um 4:11 Uhr fuhr von dort ein Bus der Linie TXl, der um 5:10 Uhr am Airport ankom-men würde.

Die Ankunftszeit am Flughafen bereitete mir Unbehagen. Wer mein Buch „Tagebuch einer Berliner Busfahrerin“ gelesen hat, besitzt die Kenntnis, dass es während einer Busfahrt ereignisreiche Momente geben kann, die die Zeit knapp werden lassen. Ich bin ein Mensch, der anstrebt prinzipiell frühzei-tig anwesend zu sein. Wie ich mit dem Bus durch die Nacht fuhr, betete ich für das Wunder einer ereignislosen Tour. Das Wunderding geschah. Zudem brach-te mich ein liebenswürdiger Kollege mit seinem Auto zum Flughafen, den ich um 4:45 Uhr betrat. «Klasse!» Der Security-Check hatte schon geöffnet. Ehe die anderen „Schlafmützen“ es merkten, war ich an ihnen vorbei. Resultierend da-raus ergatterte ich Platz 10 in der Schlange der Wartenden. Die Zeit bis zu meiner Begutachtung vertrieb ich mir, indem ich die beiden Männer, die die Passagiere ebenso wie deren Gepäck erforschten, beobachtete. Der im weißen Hemd hatte selbst um diese Uhrzeit strahlende Augen.

Er lächelte jeden Flug-gast ehrlich an. Sein Lächeln blieb, wenn er mit Nachdruck erklärte, dass ein Gürtel abgelegt und eine Jacke ohne Ausnahme ausgezogen werden muss. Wer in einem Beruf arbeitet, in dem er dafür verantwortlich ist, dass Menschen das wirklich tun, was von ihnen verlangt wird, der wird oft an den Rand des Wahnsinns geführt. Seinem Kollegen mit dem blauen Kuschelpullover neben ihm am Band fehlte jegliche Begeisterung für den Frühdienst mit den disku-tierfreudigen Wesen. Ich hörte, wie er sagte: «Die machen mich irre.» Dabei schob er zwei Körbe, in die die Habseligkeiten der Passagiere hineinkommen, mit Schwung weiter. Selbige kamen mit Schub zurück. Seine Finger sollten es ausbaden. Das tat mir schon vom Zuschauen weh. Jetzt war ich an der Reihe. Die Jacke hatte ich ausgezogen. Das kleine Täschchen mit den Papieren, Geld sowie Schlüssel schüttete ich aus. Eine Kiste genügte. Das Handgepäckköffer-chen kam separat. Ich war fast vorbei, da fragte mich der Lächelnde:

«Haben Sie einen Laptop dabei?»
«Ja.»
«Den müssen Sie aber aus dem Koffer nehmen und nochmal extra legen.»
«Nee. Oder?»
«Doch. Doch.»
«Das kann ich nicht.»
«Sie müssen aber.»
«Das wird peinlich.»
«Und warum?»

Schwupps gehörte ich zu den Diskutierfreudigen. Ich lehnte mich über das Transportband und flüsterte ihm zu: «Damit er nicht hin und her rutscht, habe ich ihn zwischen meiner Unterwäsche und den Socken verstaut. Die möchte hier niemand sehen.»
Bezaubernd lächelnd sagte er: «Doch.»
Just in dem Moment schipperte das Köfferchen an mir vorbei. Ich erwartete, es bliebe vor mir stehen und ich berge den Laptop so diskret wie nur möglich. Ich stellte fest, Erwartung und Tatsache verlaufen selten synchron.

Hat schon einmal jemand versucht, einen wegrollenden Koffer zu öffnen? Unaufhaltsam zuckelte er weiter, bis Kuschelpullovermann ihn einfing. Vor lauter Aufregung fand ich den Reißverschluss nicht. Der Strenge verzog keine Miene, er stand nur da. Seine Hände ruhten auf dem Rand des Laufbandes. Endlich war ich so weit den Koffer aufzuklappen.

Die schwere Seite, wo der Laptop unter einem Hauch von Polyester und Baumwolle verborgen war, legte ich auf die linke Handfläche. Der Inhalt wurde durch ein labbriges Netz per Reißverschluss zu-sammengehalten. Mit den Fingern der rechten Hand versuchte ich nun dieses Netz zu öffnen. Prompt entglitt mir die schwere Seite und landete auf den Patschhändchen vom Konsequenten. Er fand es wenig amüsant. Um 5:04 Uhr war ich es, die laut «Das ist jetzt nicht wahr!» rief. Die Unterwäsche inklusive der Socken purzelte heraus. Sie verteilten sich auf dem Band. Hollywoodreif stürzte ich mich auf sie.

Meine Gesichtsfarbe wechselte von leicht künstlichem Make-up-Braun in ein echtes Rot. Lächellos schüttelte den Kopf, erlaubte mir dennoch, als ich alles ordnungsgemäß verteilt hatte, die nächste Station zu passieren. Ich legte einen Zwischenstopp bei einer Frau ein, auf die ich sofort neidvoll reagierte. Sie war mit glänzenden, langen, lockigen Haaren gesegnet. Etwas, was mir das Schicksal vorenthielt. Warum darf man nicht alles im Le-ben haben? Nicht erleuchtet, aber anstandslos durchleuchtet wartete ich mit den beiden mir nachfolgenden Herren auf unser Gepäck. Es dauerte und dau-erte. Ein Blick auf die Uhr ließ erahnen, dass es mit dem geplanten Kaffee nichts würde. Am Monitor, mit dem das Reisegepäck auf Herz und Nieren ge-prüft wird, versammelten sich unterdessen immer mehr Mitarbeiter. Ich merkte es sofort, es herrschte Krisenstimmung. Jeder betatschte den Bildschirm. Mei-ne Schuld konnte es jedenfalls nicht sein.

Ich hatte die Liste der verbotenen Gebrauchsgegenstände inklusive der erlaubten Grammzahlen sorgsam stu-diert. War mir schon beim Durchlesen zu kompliziert gewesen. Also war ich nur mit meiner Zahnbürste und ‘ner Haarbürste bewaffnet. Alles andere würde ich mir auf der Insel kaufen. Auf einmal schallte es durch den Raum: «Wir ha-ben eine Feststellung.» Es wurde mucksmäuschenstill im Terminal und jeder schaute auf den Mann, der Quelle dieser Worte war. Er griff zum Telefon. Im Anschluss daran geschah erst mal nichts. Es gab keine Information, wessen Kofferinhalt Herzrasen auslöste.

Total ahnungslos fragte ich die beiden Herren: «Was ist eine Feststellung?» Sie erklärten es mir und ich sagte: «Na dann bin ich ja aus dem Schneider. Ich habe nischt bei mir.» Ein weiterer Mann betrat die Abfertigungshalle. Er, weiß wie die Wand, mit vor Wut zusammengekniffe-nen Augen und vom Zoll, blieb vor Kuschelpullovermann stehen und hasste diesen schon von der ersten Sekunde an. Ich stieß einem der beiden Herren meinen Ellbogen auf den Arm und flüsterte: «Der Typ hat es heute nicht leicht.» Mister Zollbeamter‘s zweite Farbe war Grau. Grau war sein schütteres Haar, sein unvorteilhafter Dreitagebart und die Uniform. Was nicht ganz stimmt, die-se hatte zwei kleine Farbtupfer von seinem Essen und einen etwas größeren Fettfleck. Um 5:18 Uhr der Schock – der Farbtöne scheuende Herr kam zu mir, blieb stehen und musterte mich.

Dann befahl er emotionslos:

«Beschreiben Sie Ihren Kofferinhalt!»
«Guten Morgen. Könnten Sie mir bitte sagen, worum es geht?», fragte ich.
«Beschreiben Sie miiir Ihren Kofferinhalt!», antwortete er in einem Tonfall, der dafür sorgte, dass ich meine Augen zusammenkniff.
Ich zählte alles auf. Beim Erwähnen des Laptops verfinsterte sich sein Blick.
«Wann haben Sie diesen geöffnet?»
«Ich habe ihn nicht geöffnet.»
«Weshalb wurde er repariert?»
«Er wurde nicht repariert.»
«Hatten Sie Ihr Gepäck unbeaufsichtigt»
«Nein, ich war immer mit ihm zusammen.»
«Ihr Laptop ist nicht in Ordnung und wurde geöffnet.»
«Quatsch, das wüsste ich.»
«Vermuten Sie, das hier ist Quatsch?», knurrte er und ließ mich stehen.

Ich war fassungslos, dass mein Lenovo schuld an diesem Desaster sein sollte. Es wurden Streifen über den Laptop gezogen. Sodann stand diese geballte Ladung männlicher Frustration wieder vor mir.

«Wie haben Sie Ihr Gepäck behandelt?»
«Am Donnerstag gepackt und meinem Mann mit auf die Arbeit gegeben.»

Sein Gebrüll ließ mein Unterhemd faltenfrei werden. Er warf mir vor, gelogen zu haben, sagte ich doch, dass ich das Reisegepäck nicht aus den Augen gelas-sen hätte.
Mittlerweile war es 5:23 Uhr. Müde von der Nachtschicht verstand ich immer noch nicht, worin das Problem bestand. Ich wurde wütend und wenn ich dieses Stadium erreicht habe, fange ich meist an zu weinen. Es sind keine Tränen der Mitleidsuche, sondern eine Art Blitzableiter für die Gefühle. Leider verliere ich ab und an die Kontrolle über die Geschwindigkeit, mit der sie mein Make-up ruinieren. Dann werde ich schon mal zickig.

Herr Zollbeam-ter kam mit dem Laptop in der Hand zu mir und wir betraten einen gesonder-ten Raum. Dort arbeiteten zum Glück Security-Mitarbeiter, die alle ein großes Herz hatten. Sie versicherten, dass es sich um reine Routine handle. Kuschel-pullovermann folgte uns. Sogar er lächelte mir Mut zu und gab mir ein Ta-schentuch und das brachte mich erneut zum Schluchzen.
«Sehe ich wie eine gefährliche Radikale aus? Ich hatte in Chemie, Physik und Mathe immer nur eine Vier.»
«Würde der Sie für eine Terroristin halten, ständen Sie alleine hier.», sagte Kuschelmann. «Das glaube ich jetzt nicht, ich nenne mich eine Radikale mit gefährlichem Potential und Sie mich ‘ne Terroristin. Ist es so desaströs?»

Weiterhin übelst gelaunt betrat um 5:34 Uhr der Herr vom Zoll wieder den Raum. Er streckte mir seine Hand hin, als wollte er sich von mir verabschieden.
«Gott sei Dank – es ist vorbei!», dachte ich.
«Ihren Ausweis. Geben Sie ihn mir. Wo haben Sie den Laptop her? Warum haben Sie ihn gekauft?»

Ausweis geben – ok. Frage 1 beantwortete ich spontan. «Vor vier Jahren für circa dreihundert Euro bei Saturn käuflich erworben. Wen wundert’s, um Kos-ten zu sparen, gewiss in China zusammengebaut.»
Fragestellung 2 interpretierte ich still: «Völlig talentfrei der Typ!» Und laut: «Damit ich kein Shopping-Angebot versäume.» Um 5:39 Uhr sprach der Spezi-al-Agent arg laut. «Ihr Laptop wurde manipuliert.»
«Ja klar. Weihen Sie mich dann doch bitte endlich ein, was meinen Lenovo so aufmerksamkeitserregend werden lässt.»
«Zwei Kabel in Ihrem Laptop wurden verlegt.»

Jetzt platzte mir die Hutschnur. Es war mir mittlerweile egal, ob ich den Flug antreten würde oder erst gegen eine minimale Kaution wieder das Recht erlang-te, öffentliches Staatsgebiet zu betreten. In diesem Augenblick war ich es, die ungehalten war und in akkuratem Hochdeutsch sprach:
«Holla die Waldfee. Weil ein chinesischer Produkthersteller vor vier Jahren Pfuscharbeit ablieferte, bereiten Sie mir seit exakt dreißig Minuten die Hölle auf Erden.
Woher nehmen Sie die Weisheit zu wissen, wo welche Kabel in einem Laptop zu verlaufen ha-ben?»
Darauf er: «Ich rufe das LKA an. Ich hoffe, dass dort kein Eintrag vorliegt.»

Für mich hatte dieser Zollbeamte einen gekauften Realschulabschluss. Ich beobachtete sein Telefonat. Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Nach cir-ca fünf Minuten knallte er den Hörer auf das Telefon, kam zu mir rüber und klatschte den Ausweis vor mir auf den Tisch in Begleitung der erlösenden Wor-te «Lassen Sie sie passieren.»

Ich freue mich auf den Tag, an dem ich mit meinem Bus am Flughafen Fahr-gäste einlade und sein Gesicht aus der Masse heraus erblicken werde. Es gibt Gerechtigkeit auf unterschiedlichen Ebenen. Das Flugzeug hob mit einer Ver-spätung von 17 Minuten vom Boden ab. Im Flieger überwältigte mich das Ver-langen, den angeblich manipulierten Lenovo aus dem Handgepäck zu fischen, um dem grauen Diktator eine Geschichte zu widmen. Ich widerstand dem Drang, der Unterwäsche und Socken wegen. Nicht dass ich diese ein zweites Mal filmreif präsentieren würde. Vor mir lagen fünf freie Tage, genug Zeit die Story zu Papier zu bringen. Wie ich meine Erinnerung niederschrieb, erfasste mich Panik. «Grund Gütiger!» Um nach Hause zu kommen, musste ich wieder durch eine Sicherheitskontrolle.

Folgendes Szenario trat vor mein geistiges Auge: «Was, wenn „Lenovo“ auf der Insel ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich zieht? Verstehen oder sprechen die hier Deutsch? Falls nicht, wie viel Zeit brauchen sie, um einen Dolmetscher zu organisieren? Wäre es besser, ich fliege ohne Laptop nach Hause?»

Drei Kaffeebecher später! Das Lösungskonzept: «Um 18 Uhr hebt die Maschi-ne ab. Wenn ich um 12 Uhr durch die Sicherheitsschleuse schreite und der Laptop löst Alarm aus, habe ich genug Zeit, um alle Probleme friedlich und zeitlich perfekt zu lösen.»

Am 15. Mai 2018 verließ ich um 11:30 Uhr das Urlaubsdomizil. Den Flugha-fen erreichte ich um exakt 12:23 Uhr. Erfüllt von der Sorge, mit dem Lenovo im Gepäck auffällig zu werden, sprintete ich mehr, als dass ich lief, um den Security-Check schnellstmöglich hinter mir zu haben. 12:43 Uhr stand ich vor den spanischen Sicherheitsleuten, legte den in Deutschland als diskussionsbe-dürftig eingestuften Lenovo aufs Band und sah zu, wie er davon zuckelte. Ich lief ihm nach, bis Madam Security mich aufhielt. Sofort hatte ich im Kopf: «Jetzt haben sie dich. Was in Deibels Namen stimmt mit dem SCH… Laptop nicht?» Das Glück trifft ein, wenn es nicht erwartet wird und diesmal gewährte man mir diese Gunst. Ich sollte nur meine Schuhe ausziehen. Um 13:24 Uhr hatte ich alle Hürden hinter mir. In den folgenden Stunden, so nahm ich mir vor, würde ich prüfen, ob die Preise in einem Duty-free-Shop echt der Hammer sind. Davon berichte ich in einer anderen Geschichte.

Liebe Leser. Diese Geschichte ist von mir, Antje Boesler und somit Urheber-rechtlich geschützt. Ich erlaube jedem, dem diese Story gefällt, sie weiter zu verbreiten, in Praxen auszulegen oder zu veröffentlichen. Jedoch nur komplett, mit meinem Namen versehen und in Verbindung mit diesen Zeilen.
Vielen Dank, dass Sie meinem Wunsch entsprechen werden.

Antje Boesler

 

Mehr über das Tagebuch einer Berliner Busfahrerin könnt ihr auf ihrer Facebook Seite finden. Das Buch selber findet ihr im Netz u.a auf Amazon

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